Die Iveco Group beschleunigt die Softwareentwicklung für Elektrofahrzeuge mit virtueller Fahrzeugsimulation

Vollständig virtuelle Fahrzeuge erlauben es, Software für Elektrofahrzeuge schneller und besser skalierbar zu testen


In der Automobil- und Fahrzeugindustrie läuft die Softwareentwicklung traditionell eher langsam ab. Bevor auch nur eine Zeile Programmcode validiert werden kann, benötigt das Ingenieurteam Hardware, Testumgebungen und reale Fahrzeuge sowie technisches Personal für deren Bedienung. Es ist ein langsamer, ressourcenintensiver Prozess, der sich kaum mit dem Tempo moderner Softwareentwicklung skalieren lässt. Für die Iveco Group, den italienischen Hersteller von Nutzfahrzeugen, der hinter dem elektrisch betriebenen Transporter eDaily und einer Flotte von Lkw und Bussen steht, bot das Schließen dieser Lücke die Chance, Software auf dieselbe Weise wie die erfolgreichsten Technologieunternehmen zu entwickeln.

„In der Tech-Welt können 16-Jährige vom Schlafzimmer aus die Welt verändern, da sie über entsprechende technische Möglichkeiten verfügen und keinen um Erlaubnis bitten müssen“, sagt Alessio Canepa, Leiter der Softwareentwicklung für Fahrzeugsteuerung und -dynamik bei der Iveco Group. „In der Automobil- und Fahrzeugindustrie sieht es oft ganz anders aus. Man muss immer auf jemand anderen warten.“

Canepa leitet das Team, das hinter eVeCoP (Electrified Vehicle Control Platform) steht, der unternehmenseigenen Fahrzeugsteuerungssoftware der Iveco Group. Mit der zunehmenden Komplexität stieg auch der Testaufwand. Je mehr Funktionen das Team hinzufügte, desto mehr Tests mussten bei jeder Änderung erneut durchgeführt werden. Diese Aufgabe manuell auf physischer Hardware zu bewältigen, wurde mit der Zeit unmöglich.

Sieben IVECO-Lkw in verschiedenen Größen und Farben.

Die gesamte IVECO-Modellpalette. (Bildquelle: Iveco Group)

Die Lösung der Iveco Group war Virtualis, ein virtueller Fahrzeugsimulator auf der Basis von MATLAB® und Simulink®. Damit kann die Iveco Group ihre reale Produktionssoftware an einem vollständig virtuellen Fahrzeug testen, inklusive virtueller Systeme für Batterie, Wechselrichter und Ladegerät, bevor überhaupt Hardware ins Spiel kommt.

Skalierung von eVeCoP für Virtualis

Die eVeCoP-Plattform bildet das Herzstück der Regelungssysteme für Elektrofahrzeuge der Iveco Group und koordiniert Dutzende miteinander vernetzter Funktionen in Leichtfahrzeugen, Schwerlastfahrzeugen und Bussen. Diese Funktionen umfassen alles von der Traktionskontrolle und regenerativen Bremsung hin zum Wärmemanagement und zur Leistungsverteilung. Alles läuft über eine unternehmenseigene Softwareplattform, die nahezu vollständig in MATLAB und Simulink entwickelt wurde.

Früher dauerte die Neuerstellung des gesamten integrierten Modells bei jeder Änderung etwa 20 Minuten. Heute ist die Modellkompilierung in nur 4 bis 5 Minuten abgeschlossen. Diese Verbesserung ist zum Teil der Umstellung auf den Accelerator-Modus in Simulink geschuldet.

Für die Übersichtlichkeit und Skalierbarkeit von eVeCoP ist laut Canepa eine sogenannte modulare Architektur erforderlich. In ihr ist jede Softwarefunktion in einem eigenen, in sich geschlossenen Modul mit klar definierten Grenzen untergebracht. Ein guter Architekt, so meint er, sei für ein Softwareplattform-Team unverzichtbar. Wenn die Architektur stimmig ist, können auch weniger erfahrene Ingenieure einen Beitrag zu einzelnen Komponenten leisten, ohne hierzu das gesamte System verstehen zu müssen. Dadurch lässt sich die Plattform auf neue Fahrzeugtypen ausweiten, ohne dass das Engineering-Team bei null anfangen muss.

Die Iveco Group hat Virtualis nach eben diesem Prinzip entwickelt. Mithilfe von referenzierten Modellen in Simulink sorgt der virtuelle Fahrzeugsimulator dafür, dass jedes Softwaremodul separat bleibt. Dies bedeutet, dass bei einer Änderung nur das betreffende Modul neu kompiliert wird.

Diagramm zur Veranschaulichung der eVeCoP-Plattform. Ein Symbol in Form eines zentralen Gehirns verbindet Fahrzeugtypen und Schlüsselkomponenten wie Batterien durch Pfeile. Darin sind Funktionen wie die Traktionskontrolle und Vorteile wie die Hardwareunabhängigkeit aufgeführt.

Die Electrified Vehicle Control Platform (eVeCoP).

Früher dauerte die Neuerstellung des gesamten integrierten Modells bei jeder Änderung etwa 20 Minuten. Heute ist die Modellkompilierung in nur 4 bis 5 Minuten abgeschlossen. Diese Verbesserung ist zum Teil der Umstellung auf den Accelerator-Modus in Simulink geschuldet. Der Accelerator-Modus opfert ein wenig Flexibilität beim Debuggen zugunsten einer deutlich schnelleren Ausführung. Der größere Vorteil ergab sich jedoch aus den referenzierten Modellen selbst. Da die Engine für die Codegenerierung nur das neu kompiliert, was geändert wurde, lässt sich bei den meisten Builds der Großteil der Arbeit komplett überspringen. Für ein Team, das ständig inkrementelle Updates über mehrere Funktionen hinweg vornimmt, summiert sich der Unterschied schnell.

Geschwindigkeit ist bei der Simulation noch wichtiger. Virtualis läuft schneller als in Echtzeit. Dies bedeutet, dass das Team mehrere parallele Instanzen in der Cloud erstellen und Tests gleichzeitig durchführen kann. Die Inspiration, so Canepa, kam dadurch, dass man sich angesehen hat, wie Softwareunternehmen arbeiten.

Ein Screenshot einer Simulink-Oberfläche mit verschiedenen virtuellen Fahrzeugsteuerungen.

Ein virtuelles Fahrzeugmodell in Simulink. (Bildquelle: Iveco Group)

„Wenn man eine eigene Android®-App entwickelt, verwendet man einen Emulator. Damit kann man selbstständig und autonom End-to-End-Tests durchführen“, sagt er. „Vieles von dem, was wir tun, ist von dem inspiriert, was wir in der Cloud- und App-Welt beobachten.“

Die entscheidende Erkenntnis hinter Virtualis ist, dass dieses schnelle Testen nur funktioniert, wenn die Umgebung zu 100% virtuell ist. Wenn auch nur für ein Prozent des Tests physische Hardware erforderlich ist, geht die Fähigkeit verloren, die Ausführung in die Cloud zu verlegen, parallel zu testen und schneller als in Echtzeit zu sein. Diese Schwelle unterscheidet Virtualis grundlegend von bisherigen Lösungen.

Testen ohne Grenzen

Die Vorteile einer vollständig virtuellen Umgebung gehen über die Geschwindigkeit hinaus. Manche Tests können nicht in einer physischen Testumgebung oder einem echten Fahrzeug durchgeführt werden. Es ist weder sicher noch vernünftig, elektrische Komponenten eines Fahrzeugs oder die Verkabelung zu testen, während es mit 100 Kilometern pro Stunde fährt. In Virtualis sind solche Tests Routine. „Eine virtuelle Plattform bietet unbegrenzte Möglichkeiten“, sagt Canepa.

„Eine virtuelle Plattform bietet unbegrenzte Möglichkeiten.“

Virtualis erkennt derzeit etwa 70% der Softwareintegrationsprobleme, bevor die Software jemals auf die Hardware gelangt. Laut Canepa lässt sich dies nur schwer messen und die verbleibende Lücke ist weniger eine feste Grenze, sondern vielmehr ein Spiegelbild dessen, was dem Team noch nicht bekannt ist. Wenn bei einem physischen Fahrzeug etwas versagt, das seine Prüfung in Virtualis bestanden hat, behandelt die Iveco Group dies als ein Signal dafür, dass die virtuelle Umgebung aktualisiert werden muss. So kann die Realität genauer abgebildet werden. Im Laufe der Zeit wird die Lücke dank dieses Vorgehens geschlossen.

Die Lücke, die bleibt, ist eher struktureller als zufälliger Natur. Virtualis führt eine Virtualisierung der Stufe 1 durch, das heißt, dass weder die zugrunde liegende Firmware noch die Elektronik simuliert wird. Dies ist ein bewusster Kompromiss. Mehr Tiefe würde zwar eine umfassendere Abdeckung bedeuten, aber das Engineering würde die Fähigkeit verlieren, die Simulation mitten in der Ausführung anzuhalten, jede Variable zu untersuchen und genau zu verstehen, was die Software zu einem bestimmten Zeitpunkt getan hat.

„Wenn auf einem Hardwaresystem etwas schiefgeht, kann man sich die Protokolle im Nachhinein ansehen“, erklärt Canepa. „In Virtualis kann man die Welt anhalten.“

Diese Umstellung hat die Sichtweise der Iveco Group auf ihre Testpipeline verändert. Die Iveco Group verwendet jetzt Hardware-in-the-Loop-Tests speziell für jene Bereiche, die mit Virtualis nicht abgedeckt sind: das Betriebssystem, Low-Level-Treiber und physische Hardware, die von außerhalb der Iveco Group stammt (z. B. von Zulieferern, die die Steuergeräte herstellen, mit denen die Software kommuniziert). Alles oberhalb dieser Ebene wird früher, schneller und kostengünstiger gelöst.

Entwicklung im Tempo der Software

Virtualis an diesen Punkt zu bringen, war nicht einfach. Die Skalierung einer MATLAB- und Simulink-Umgebung für Software dieser Komplexität, wobei kurze Build-Zeiten und eine flexible Fehlersuche sichergestellt werden mussten, erforderte Entscheidungen zur Architektur, für die es keine eindeutig richtige Lösung gab. Die Iveco Group arbeitete eng mit dem MathWorks Engineering-Team zusammen, um die Grenzen des Möglichen auszuloten.

„Was wir geschaffen haben, ist bereits eine völlig andere Arbeitsweise. Je mehr Zeit man in der Entwicklung einspart, desto mehr Zeit hat man, etwas wirklich Großartiges zu schaffen.“

„Wir möchten beste Qualität in einem außergewöhnlich kurzen Zeitrahmen erreichen. Dies ist die schwierigste Herausforderung, der wir uns gemeinsam stellen mussten“, so Canepa.

Die Zusammenarbeit konzentrierte sich auf die Steigerung der Effizienz bei der Ausführung, die Strukturierung der Modelle in einer Weise, die es mehreren Ingenieuren ermöglichte, Updates ohne Konflikte gleichzeitig einzuspielen sowie die Entwicklung einer End-to-End-Pipeline für Integration und Tests, die automatisch abläuft. Sobald ein Ingenieur neuen Programmcode einspielt, löst der Code Tests in Virtualis aus. So erhalten Ingenieure innerhalb von wenigen Stunden Ergebnisse. Niemand muss daran denken, die Tests auszuführen, da das System keine Möglichkeit lässt, dies zu vergessen.

Diagramm, das den Testaufbau für ein emuliertes VMU-Gerät veranschaulicht, auf dem eVeCoP läuft und das mit der Virtualis-Testumgebung interagiert. Das Setup umfasst eine detaillierte Regelungsoberfläche.

Diagramm des virtuellen Fahrzeugs in Virtualis.

Die Iveco Group investiert die eingesparte Zeit wieder in das Produkt. Anstatt Wochen mit formalen Verifikationsprozessen zu verbringen, haben die Ingenieure der Iveco Group jetzt mehr Zeit für Iterationen am Fahrzeug selbst, was Canepa als wahren Maßstab für die Softwarequalität sieht.

Virtualis hat außerdem etwas weniger Greifbares an der Arbeitsweise des Teams verändert. In der herkömmlichen Fahrzeugentwicklung sieht ein Ingenieur, der eine einzige Funktion entwickelt, unter Umständen nie, wo diese Funktion zum Einsatz kommt oder wie sie sich auf das Fahrzeug auswirkt. Virtualis lässt jeden Entwickler in ein komplettes virtuelles Fahrzeug eintauchen, sodass die Auswirkungen jeder Änderung sofort im Kontext sichtbar sind. Diese Sichtbarkeit verändert die Einstellung der Mitarbeitenden zu ihrer Arbeit. Ein Ingenieur kann einen Prototypen für eine neue Funktion erstellen, deren Wirkung auf das Gesamtsystem testen und sicher sein, dass sie bei der Präsentation auch funktioniert.

„Wir leben in einem Jahr, in dem die Befähigung der Menschen außerordentlich wichtig ist“, sagt Canepa.

Für ihn ist Virtualis Teil von etwas Größerem als kürzere Entwicklungszeiten oder eine effizientere Testpipeline. Automobilhersteller werden zu Softwareunternehmen, ob sie nun darauf vorbereitet sind oder nicht. Diejenigen, die herausfinden, wie man Software entwickelt und testet, wie es Technologieunternehmen tun – schnell, iterativ, „virtual first“ –, werden diejenigen sein, die Schritt halten können. Die Iveco Group will zu diesen gehören.

„Was wir geschaffen haben, ist bereits eine völlig andere Arbeitsweise“, sagt er. „Je mehr Zeit man in der Entwicklung einspart, desto mehr Zeit hat man, etwas wirklich Großartiges zu schaffen.“


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