Das Orion-Raumfahrzeug ist auf dem Weg zum Mond – unter Mithilfe der SLS-Rakete

Mit dem Artemis-Programm strebt die NASA eine langfristige Präsenz auf dem Mond an


Seit 1972, also seit 50 Jahren, hat kein Mensch mehr den Mond betreten. Aber wenn alle Pläne in die Realität umgesetzt werden, kehren wir schon bald dorthin zurück. Derzeit entwickelt die NASA das Artemis-Programm, benannt nach der griechischen Göttin der Jagd und des Mondes. Die unbemannte „Artemis I“-Mission dient dabei der Erprobung einer neuen Rakete mit der Bezeichnung Space Launch System (SLS). Mit einer maximalen Schubkraft von 39,1 Meganewton (rund 4 Mio. Kilogramm) ist das SLS damit die leistungsstärkste jemals gebaute Rakete.

Aber das SLS ist nur ein Teil des gesamten Artemis-Technologiekonzepts. Oberhalb des SLS, das mehr als 30 Stockwerke hoch ist, wird Orion thronen und bis zu sechs Personen zum Mond und darüber hinaus befördern können. Dessen System wurde so konzipiert, dass es die Besatzung vor den extremen Bedingungen in den Weiten des Weltalls schützt. Mithilfe des SLS wird Orion in eine Mondumlaufbahn gebracht.

Artemis I stellt einen Meilenstein auf dem Weg zur Erforschung des Mondes und zur späteren Errichtung eines Basislagers auf der Mondoberfläche dar. Die Mission Artemis II folgt ein Jahr später erneut, diesmal jedoch mit Astronauten an Bord des Orion-Raumfahrzeugs. Und mit Artemis III werden 2024 erstmals eine Frau und eine Person of Color auf der Mondoberfläche landen. Künftige Artemis-Missionen werden auf dem Mond eine Infrastruktur aufbauen, die es ermöglicht, die Erforschung, die industrielle Entwicklung sowie Innovationen voranzutreiben und uns Möglichkeiten aufzuzeigen, die uns bis zum Mars bringen könnten.

Die griechische Göttin Artemis wurde nur kurz vor ihrem Zwillingsbruder Apollo geboren, aber die Artemis der NASA ist jünger – und klüger – als Apollo. Die Computer an Bord von Apollo 11, die 1969 die ersten Menschen zum Mond brachte, waren mit nur 4 Kilobyte RAM ausgestattet. Im Vergleich dazu sind die neuesten iPhone-Modelle Millionen Mal leistungsfähiger, und auch die Computer, auf denen die Software für Artemis entwickelt und ausgeführt wird, verfügen über weitaus mehr. Es geht jedoch nicht nur um den Arbeitsspeicher. Den Ingenieurinnen und Ingenieuren stehen heute neue Tools zur Verfügung, mit denen sie effizienter arbeiten und den Entwicklungsprozess optimieren und beschleunigen können.

Das NASA Space Launch System ist knapp 100 Meter hoch. Die Kernstufe misst 65 Meter. Das Orion-Raumfahrzeug befindet sich an der Spitze des Systems und ist 3 Meter hoch, hat einen Durchmesser von 5 Metern und ein bewohnbares Inneres von knapp 20 Kubikmetern.

Künstlerische Darstellung des NASA Space Launch System. (Bildquelle: Lockheed Martin Corporation)

Unter der Haube

Nach seinem College-Abschluss kam Hector Hernandez zu Lockheed Martin, um an Orion zu arbeiten. „Wir streben eine langfristige Präsenz auf dem Mond an“, erläutert er, „damit wir uns auf die größere Herausforderung vorbereiten können – die Mission zum Mars. Darauf liegt unser Fokus.“

Hernandez ist der verantwortliche Analyst für das Energiesystem von Orion. Sein Team verwendet eine Software, die die gesamte Hardware modelliert, sodass eventuelle Abweichungen frühzeitig erkannt und vermieden werden können. „Wir stellen damit sicher, dass alle Komponenten, die mit dem System verbunden sind, sowie das System selbst, bestens ineinandergreifen können“, fügt er hinzu.

„Wir streben eine langfristige Präsenz auf dem Mond an, damit wir uns auf die größere Herausforderung vorbereiten können – die Mission zum Mars. Darauf liegt unser Fokus.“

Hector Hernandez, verantwortlicher Analyst für das Orion-Energiesystem der NASA

Das Energiesystem besteht aus Batterien, Solarzellen, Computern, Kabeln und Verbindungsknoten. Der Erfolg der Mission und das Überleben der Besatzung hängen von der Qualität der Stromversorgung ab – das bedeutet, dass alle Komponenten mit einer Spannung versorgt werden, die in einem bestimmten Bereich liegt, sodass es zu keinen signifikanten Spannungsschwankungen kommt. Mithilfe von Modellen kann das Team dabei die Größen verschiedener Elemente und die Verbindungen zwischen ihnen festlegen. Darüber hinaus helfen ihnen Modelle auch bei der Überwachung von Missionen und bei wichtigen Entscheidungen. Wenn am eigentlichen Raumfahrzeug etwas schief geht, lassen sich die Fehler simulieren und die Reaktion des Modells beobachten, woraufhin der Besatzung entweder empfohlen wird, die Mission abzubrechen oder andere Maßnahmen zu ergreifen.

Hernandez setzt auch auf Simulink®, mit dem er ein Modell namens Spacecraft Power Capability (SPoC) entwickelt hat. Viele der Blöcke des Modells hat er mithilfe von Simscape Electrical™ erstellt, das die Physik elektrischer Systeme modelliert. Es gibt Blöcke für Batterien, Solarzellen und vieles mehr. Früher verwendete man hierfür Tabellenkalkulationen in Microsoft® Excel®. Hernandez verwendet diese immer noch, um einige Fragen schnell zu beantworten, aber sie sind nicht in der Lage, Mehrknotensysteme zu modellieren, bei denen es verschiedene Kabelverzweigungen gibt. „Wenn wir uns um die Beantwortung komplexerer Fragen bemühen, dann kommt SPoC ins Spiel“, verrät er.

Das Orion-Raumfahrzeug in einem großen Raum.

Das Orion-Raumfahrzeug im NASA Kennedy Operations and Checkout Building. (Bildquelle: Lockheed Martin Corporation)

Und er fügt hinzu: „Ich persönlich bevorzuge eher Bilder.“ Das Bewegen von Elementen vermittelt ein intuitives Gefühl dafür, wie alles zusammenhängt. Mit Simulink entfällt so die Notwendigkeit, sich mit einer Fülle von Low-Level-Code zu befassen. Zudem macht es die Modelle für andere nicht nur verständlicher, sondern ermöglicht es den Entwicklern auch, bestimmte IP in den Blöcken zu verstecken. „Auf diese Weise bleiben viele schmutzige Dinge unter der Haube“, bemerkt Hernandez.

Bis heute hat die SPoC alle ihre Leistungsprüfungen bestanden. Das Verhalten entspricht dem des physischen Orion. Und wann immer das Team aktuelle Testdaten von Orion erhält, nutzt es diese, um sein Modell zu verbessern. „Mein nächster Schritt ist es, die Artemis-I-Mission erfolgreich durchzuführen“, erklärt er. „Anschließend richtet sich das Augenmerk auf Artemis II.“

Fehlermanagement ist für die NASA von entscheidender Bedeutung

Auf dem Weg zum Mond kann eine Menge schief gehen. Bei der Entwicklung des SLS haben die Ingenieure und Wissenschaftler der NASA ein Softwaremodell erstellt, um jene einsatzkritischen Algorithmen zu simulieren, die das Raumfahrzeug auf potenzielle Fehler überwachen, die eine Gefahr für die Ausrüstung und später auch für Besatzungen an Bord darstellen könnten.

Die zuverlässige Verifikation der Algorithmen für das Missions- und Fehlermanagement (M&FM) ist laut einem von Wissenschaftlern und Ingenieuren des SLS-Teams veröffentlichten Bericht von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Mission. Das Team beschrieb den Entwicklungsprozess in der Publikation „Modeling in the Stateflow Environment to Support Launch Vehicle Verification Testing for Mission and Fault Management Algorithms in the NASA Space Launch System“.

In dem Papier heißt es: „Die Vermeidung von Fehlern in Missions- (einschließlich Fehler-)Managementsystemen ist das Leitthema des M&FM-Testteams, das an sicherheitskritischen Systemalgorithmen für die FSW- [Flugsoftware-]Implementierung im SLS-Programm arbeitet.“

Im Inneren einer Rakete kann eine Menge aus dem Ruder laufen, darunter auch Fehler, die für das Raumfahrzeug oder die Menschen an Bord fatal sein können. Die Aufgabe des M&FM-Team von Artemis besteht darin, Software-Algorithmen für die Rakete zu entwickeln, die diese auf Anomalien prüfen. Im Anschluss daran kann das Bodenkontrollteam entscheiden, ob es beispielsweise die Startsequenz stoppt oder die gesamte Mission abbricht.

Anstatt die Algorithmen an der realen Rakete zu entwickeln und zu testen, entwarf das M&FM-Team von Artemis eine eigene Softwaresimulation des SLS, das sogenannte State Analysis Model (SAM). Sobald das Team mit der Leistung seiner Fehlerüberwachungsalgorithmen auf dieser virtuellen Rakete zufrieden ist, kodiert es sie in einer Sprache, die es auf das SLS hochladen kann.

Das Team modelliert dabei jede einzelne Avionikkomponente. Es ist ein wahrer Buchstabensalat aus Komponenten. So gibt es beispielsweise die Stromverteilungs- und Steuereinheit (Power Distribution and Control Unit, PDCU), eine Box mit elektrischen Schaltern für andere Einheiten, wie die redundante Trägheitsnavigation, die Hydraulikeinheit (HPU) und die TVC-Aktorsteuerungen (TACs). Die TACs werden von der PDCU mit Strom versorgt und steuern ihrerseits die hydraulischen Aktoren der Schubvektorsteuerung (TVC), die die Triebwerke ausrichten. Andere Einheiten steuern wiederum Pumpen und Ventile für die Triebwerke.

Theoretisch könnte das M&FM-Team ein detailliertes physikalisches Modell des Ganzen erstellen, aber das würde nur sehr langsam laufen. Stattdessen verwendet es ein in Stateflow® konstruiertes Modell, das durch Linien verbundene Boxen darstellt. Das Modell wird als Zustandsmaschine bezeichnet und jede Box stellt einen möglichen Zustand eines Aspekts des Systems dar – eine Box repräsentiert beispielsweise, dass das Ventil geöffnet ist, eine andere, dass es geschlossen ist. Die Linien stellen Übergänge zwischen Zuständen dar, die durch bestimmte Ereignisse ausgelöst werden. Ein Blick in eine Box zeigt einen in MATLAB® geschriebenen Code oder ein grafisches Modell in Simulink-Software, das den Zustand beschreibt und diese Informationen an andere Komponenten weitergibt.

Die Rakete des Space Launch System (S L S) beim Start in die Wolken.

Das SLS ist eine fortschrittliche Schwerlast-Trägerrakete, die der Wissenschaft und der Erforschung des Weltalls durch den Menschen neue Möglichkeiten bieten wird. (Bildquelle: NASA/MSFC)

Das Stateflow-Diagramm beschreibt die Logik des Systems. Stateflow- und Simulink-Modelle ähneln jeweils mit Linien verbundenen Boxen, agieren aber auf unterschiedlichen Ebenen. „Nehmen wir an, Sie gehen eine Straße entlang und kommen an eine Kreuzung“, erläutert Ossi Saarela, Space Segment Manager bei MathWorks. „Stateflow gibt vor, ob man nach rechts oder links geht, und Simulink hilft, dabei das richtige Gleichgewicht zu halten.“

Das Team verfügt auch über ein physikbasiertes Modell, das sogenannte System Integration Lab (SIL). In dem NASA-Papier heißt es: „Das SIL ist ein hochrealistisches Testsystem, das die tatsächliche Flugsoftware mit einer Mischung aus realer und simulierter SLS-Hardware und -Umgebung integriert.“

Aber das M&FM-Team ist auf beide Arten von Modellen angewiesen. Das SIL verwendet die gleiche Software und Bordelektronik wie die Rakete und hat sogar die Verkabelung in gleicher Länge, sodass eine viel höhere Wiedergabetreue gewährleistet ist. Durch den Vergleich der Modelle kann das Team die Ergebnisse aus dem SIL nutzen, um SAM zu verbessern.

Das M&FM-Team musste zunächst die richtigen Skripte ausarbeiten, um eine Optimierung der Geschwindigkeit von SAM zu erreichen. Es galt zu entscheiden, welche Testfälle durchgeführt werden sollten und wie der Erfolg des Systems zu ermitteln war. Jetzt kann das Team SAM so schnell iterieren, dass es wie eine „Kristallkugel“ wirkt und voraussagt, was es vom SIL erwarten kann. In dem Papier heißt es, dass SAM etwa 120 Sekunden für die Ausführung eines Missionsstartprofils auf einem Standard-PC benötigt. Nachdem das Team zahlreiche Tests durchgeführt und mehrere Meilensteine erreicht hatte, stellte es fest, dass die Ergebnisse von SAM in den meisten Fällen genau mit denen des SIL übereinstimmen.

Ein weiteres entscheidendes Ereignis war der Hot-Fire-Test, bei dem die NASA die Rakete am Boden befestigt und ihre Triebwerke zündet.

„Wenn die Triebwerke zünden, spürt man das meilenweit“, berichtet Saarela. „Es wird eine enorme Menge an Energie freigesetzt, daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir das genaue Verhalten aller Komponenten im Vorfeld berechnen und vorhersagen können.“

Was das Team gelernt hat, kann auch an anderer Stelle angewandt werden, denn die NASA hat viele spannende Programme in Planung.

„Neue Entwicklungen wie das Human Landing System von Artemis oder sogar die Mars Ascent Vehicle-Rakete werden sicherlich von den neuen Tools und Verfahren profitieren, die beim SLS zum Einsatz kommen“, betont Saarela. „Die Luft- und Raumfahrttechnik befindet sich in einer Hochphase der technischen Entwicklung.“

Autopilot für ein Raumfahrzeug

Die NASA verwendet Softwaremodelle nicht nur zum Testen von Algorithmen und zur Simulation von Hardware, sondern auch zur Erstellung des eigentlichen Codes für die Raumkapsel der Besatzung. Guidance, Navigation, and Control (GNC) ist die Grundlage des Autopiloten für ein Raumfahrzeug, der Sensordaten integriert und seine Flugbahn plant. Früher verfassten die GNC-Entwickler die Anforderungen, anhand derer die Software-Ingenieure den endgültigen Code schrieben. Die neue Methode setzt auf Model-Based Design. Statt statische Spezifikationen zu schreiben, erstellen die Entwickler ein ausführbares Modell, das sie schnell testen und weiterentwickeln können. Die Software übersetzt dann automatisch die Algorithmen in diesem Modell in den finalen Code.

Die GNC-Entwickler von Orion verwenden Simulink. Sie können das Simulink-Modell in Trick einbinden, die hochrealistische Softwaresimulation der NASA für das Raumfahrzeug und dessen physikalische Bewegungen im Weltraum. Sobald sie mit dem Modell zufrieden sind, erstellt der Embedded Coder® den Steuerungscode in C++, den man auch in Trick einfügen kann. MATLAB kann das Simulink-Modell und den C++ Code überprüfen, um sicherzustellen, dass sie exakt das Gleiche tun. Der C++ Code wird anschließend auf das Raumfahrzeug geladen.

Das Model-Based Design spart wertvolle Zeit, da der Code bei der Entwicklung der Algorithmen nicht mehr manuell geschrieben und überarbeitet werden muss. Zudem werden dadurch auch einfache Codierungsfehler auf ein Minimum reduziert. Gleichzeitig lassen sich die Algorithmen so leichter überprüfen. Mittlerweile sind Computer intelligent genug, um Raketen zu steuern – und um den entsprechenden Code zu schreiben, der intelligent genug ist, um Raketen zu steuern.

Beim Model-Based Design schreiben die Entwickler keine statischen Spezifikationen, sondern erstellen ein ausführbares Modell, aus dem die Software dann automatisch die Algorithmen in den finalen Code übersetzt.

Das Orion-Raumfahrzeug in einer großen Anlage mit der Flagge der Vereinigten Staaten an einer Wand und einem Banner mit der Aufschrift „To the Moon and Beyond“ an einer anderen Wand.

Das Orion-Raumfahrzeug. (Bildquelle: Lockheed Martin Corporation)

Laut NASA „wird die NASA mit den Artemis-Missionen die erste Frau und die erste Person of Color auf dem Mond landen und innovative Technologien einsetzen, um die Mondoberfläche in einem größeren Umfang als je zuvor zu erforschen. Wir werden mit kommerziellen und internationalen Partnern zusammenarbeiten und die erste langfristige Präsenz auf dem Mond aufbauen. Die Erkenntnisse, die wir auf und um den Mond herum gewonnen haben, werden wir anschließend nutzen, um den nächsten großen Schritt zu wagen: Wir werden die ersten Astronauten zum Mars schicken.“

Auf zum Mond!


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